Der polnische Herbst kommt langsam, aber unaufhaltsam. Zuerst färben sich die Bäume gelb, auf den Märkten erscheinen Kürbisse und Pflaumen, und an den Wochenenden werden die Straßen vor den Städten plötzlich voller – die Leute fahren in den Wald, um Pilze zu sammeln. Dann wird es kühler, es wird früher dunkel, und der November zieht mit seiner ganz eigenen, nachdenklichen Stimmung ein.
Im Herbst entdeckt man Polen am besten ohne Eile. Man kann einen Tag in Krakau verbringen, in den herbstlichen Alleen umherirren, in die Bieszczady fahren oder einfach in eine kleine Konditorei in Posen gehen und ein Martinshörnchen bestellen. Und wenn die Reise auf Anfang November fällt, erlebt man Traditionen, die viel mehr über das Land erzählen als eine gewöhnliche Führung.
Pilze: Wenn das Wochenende im Wald beginnt
Es gibt eine Sache, die den polnischen Herbst perfekt erklärt – die Pilzsaison.
Im September und Oktober füllen sich die Waldparkplätze mit Autos, und auf den Wegen wandern Menschen mit Körben. Manche kehren nach einer Stunde zurück, andere verbringen einen halben Tag im Wald. Für viele Familien ist das weniger eine Art, Vorräte für den Winter anzulegen, als vielmehr ein gewöhnlicher Herbstspaziergang.
In polnischen Wäldern sucht man nach Edelsteinpilzen, Maronenröhrlingen, Rotkappen, Schmierröhrlingen und Pfifferlingen. Die besten Stellen verraten Pilzsammler natürlich nicht an Fremde. Es gibt sogar eine kleine Kultur darum – einen guten Platz zu finden, ist die halbe Freude. In Polen wachsen knapp 1.500 Pilzarten, aber in der Küche verwenden wir nur 47 Sorten.
Viele Pilze werden später getrocknet oder eingelegt. Besonders geschätzt werden getrocknete Steinpilze im Winter, die in traditionellen Gerichten verwendet werden, darunter auch an Weihnachten.
Wenn ihr euch selbst nicht mit Pilzen auskennt, solltet ihr keine Experimente wagen. Einen unerkannten Pilz lasst ihr besser dort, wo ihr ihn gefunden habt. Die polnische Pilzküche lernt ihr sicherer in einem Restaurant oder auf dem lokalen Markt kennen.
Was wird im Herbst in Polen gegessen?
Die polnische Herbstküche tut nicht so, als wäre sie leicht. Wenn es draußen kalt ist, kommen auf den Tisch heiße Suppen, geschmorter Kohl, Kartoffeln, Pilze und hausgemachtes Gebäck.
Im September und Oktober gibt es viele Äpfel, Pflaumen, Birnen und Kürbisse. Daraus macht man Kuchen, Kompotte, Konfitüren, Desserts. Kürbissuppe ist in polnischen Cafés längst zu einem festen saisonalen Gericht geworden.
Es gibt auch einfachere Dinge, die perfekt zu dieser Jahreszeit passen: gebackene Äpfel mit Zimt, Kartoffeln mit Pilzsoße, Bigos, heißer Tee.
Ihr müsst nicht nach einem Restaurant mit langer Speisekarte suchen. Manchmal ist der beste Weg, die polnische Herbstküche kennenzulernen, ein Besuch auf einem gewöhnlichen Stadtmarkt oder in einem kleinen Familiencafé.
Wenn ihr die polnische Regionalküche näher kennenlernen möchtet, schaut in unseren Leitfaden zu traditionellen polnischen Pilzgerichten – dort findet ihr erprobte Rezepte und kulinarische Inspirationen.
Posen und die Martinshörnchen
Im November hat Posen sein eigenes kulinarisches Ritual.
Am 11. November, dem Martinstag, essen die Posener Rogale świętomarcińskie – große Hörnchen mit einer Füllung aus weißem Mohn, Nüssen, Trockenfrüchten und anderen Zutaten. Darauf Zuckerguss und Nüsse. So ein Hörnchen ersetzt problemlos das Dessert nach einem üppigen Mittagessen.
Interessanterweise ist das nicht einfach ein Mohnhörnchen. Das Rogal Świętomarciński ist eine EU-geschützte geografische Angabe, und die Hersteller müssen streng festgelegte Anforderungen erfüllen.
Die Legende besagt, dass die Backtradition im Jahr 1891 entstand, als der Pfarrer der St.-Martins-Gemeinde, Pfarrer Jan Lewicki, die Gläubigen aufrief, dem Vorbild ihres Schutzpatrons zu folgen und etwas für die Armen zu tun. Der Konditor Józef Melzer backte daraufhin drei Bleche Hörnchen und brachte sie zur Kirche. Und so begann es.
Und es gibt noch einen weiteren Zufall: Am 11. November feiert ganz Polen seinen Unabhängigkeitstag. In Posen kommen die lokalen Feierlichkeiten zum Martinstag hinzu, sodass die Stadt an diesem Tag besonders lebendig ist.
1. November: Polen entzündet Millionen von Lichtern
Wenn ihr Anfang November nach Polen kommt, kann es nicht übersehen werden, dass das Land für ein paar Tage ein anderes ist.
Der 1. November ist Wszystkich Świętych – Allerseelen. Die Menschen fahren zu den Friedhöfen, säubern die Gräber ihrer Angehörigen, bringen Blumen und zünden Grablichter an. Am folgenden Tag, dem 2. November, wird Zaduszki begangen – der Gedenktag für die Verstorbenen.
Abends leuchten die Friedhöfe buchstäblich. Kleine Lichter stehen an den Gräbern, entlang der Wege, an alten Denkmälern. Besonders beeindruckend wirkt das auf den großen historischen Friedhöfen.
Der 1. November ist ein gesetzlicher Feiertag, daher sind einige Geschäfte und andere Einrichtungen geschlossen. Rund um die Friedhöfe gibt es Staus, die Verkehrswege ändern sich, und in den Städten fahren oft Sonderbusse und -bahnen.
Wenn ihr gerade an diesen Tagen reist, solltet ihr den Fahrplan besser vorher prüfen.
11. November: Fahnen, Konzerte und Unabhängigkeitstag
Zehn Tage nach Allerseelen feiert Polen einen seiner wichtigsten Nationalfeiertage – den Unabhängigkeitstag.
Am 11. November sind polnische Flaggen buchstäblich überall zu sehen. In den Städten gibt es offizielle Zeremonien, Konzerte, Unabhängigkeitsläufe und andere Veranstaltungen. In Warschau finden traditionell große Märsche statt, bei denen die Straßen im Stadtzentrum gesperrt werden können.
Für Touristen ist das ein interessanter Moment, Polen von einer anderen Seite zu sehen – nicht museal und nicht urlaubsreif, sondern festlich, laut und sehr patriotisch.
An diesem Tag solltet ihr euch jedoch nicht auf den gewöhnlichen Fahrplan verlassen. Wenn ihr eine bestimmte Route in der Stadt habt, prüft sie vorher.
Und wenn ihr eure Anreise nach Polen noch plant, schaut unbedingt in unseren Reiseführer zu den wichtigsten Flughäfen Polens – das hilft euch, eure Reise reibungslos zu planen.
Andrzejki: Polnische Wahrsagerei und Feiern
Ende November ändert sich die Stimmung wieder.
In der Nacht vom 29. auf den 30. November werden in Polen Andrzejki gefeiert. Früher waren das vor allem Wahrsagereien über die Zukunft – besonders über Liebe und Heirat. Heute ist das Ganze viel einfacher – ein Vorwand, um mit Freunden zusammenzukommen, zu spielen und Spaß zu haben.
Die bekannteste Tradition ist das Wachsgießen. Geschmolzenes Wachs wird durch das Loch eines alten Schlüssels in kaltes Wasser gegossen, und dann versucht man, in der erstarrten Figur etwas über die Zukunft zu erkennen. Eine andere beliebte Wahrsagerei betrifft die Schuhe: Sie werden einer nach dem anderen in Richtung Tür gestellt, und dann schaut man, wessen Paar zuerst die Schwelle berührt.
Heute nimmt man das eher als Spiel. Und vielleicht geht die Tradition deshalb nicht verloren – sie hat sich leicht in moderne Partys, Schultreffen und Freundesrunden eingefügt.
Wohin im Herbst?
Für eine Herbstreise durch Polen müsst ihr euch nicht für ein einziges Ziel entscheiden. Alles hängt davon ab, worauf ihr Lust habt.
Krakau – wenn ihr alte Städte, Museen, Cafés und lange Spaziergänge mögt. Besonders schön ist es im Herbst, die Planty, die Altstadt und entlang der Weichsel zu gehen.
Warschau – gut für eine dynamischere Reise. Altstadt, Łazienki-Park, Wilanów, Museen – hier lässt sich leicht ein Programm für mehrere Tage zusammenstellen.
Posen – lohnt sich besonders Anfang November. Ihr habt gleich zwei Gründe für einen Besuch: den Martinstag und die berühmten Hörnchen.
Und wenn ihr die Städte schon kennt, ab in die Berge.
Die Bieszczady sind im Herbst besonders schön, auch wenn sich das Wetter dort sehr schnell ändern kann. Die Beskiden sind bequemer für einen kurzen Ausflug und bieten viele Wege mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad.
Für Freunde von Wasser und Ruhe empfehlen wir Masuren. Im Sommer ist diese Region viel lebendiger, und im Herbst bekommen die Seen, Wälder und Städtchen einen ganz anderen Charakter.
Wenn ihr an aktiver Erholung in der Natur interessiert seid, schaut euch unbedingt unseren Führer zu den schönsten Radwegen der Woiwodschaft Opole an – dort findet ihr großartige Ideen für Herbstausflüge.
Wie ist der polnische Herbst?
Es gibt keine einzige Antwort. Der September kann warm und fast sommerlich sein, der Oktober – kühl und sonnig, und der November kommt manchmal gleich mit Regen und Nebel.
Deshalb solltet ihr für einen Ausflug ins Grüne wasserdichte Schuhe, eine Regenjacke und eine warme zusätzliche Schicht Kleidung dabei haben. In den Bergen solltet ihr die Wettervorhersage direkt vor dem Aufbruch prüfen.
Und vergesst nicht, dass es im Herbst ziemlich früh dunkel wird.
Polnischer Herbst – nicht nur das Wetter
Der polnische Herbst ist interessant gerade durch seine Alltäglichkeit.
Die Menschen fahren in den Wald, um Pilze zu sammeln, kaufen Pflaumen und Äpfel auf den Märkten, kochen saisonale Gerichte, zünden am 1. November Grablichter für ihre Verwandten an, hissen am 11. November die weiß-rote Fahne und treffen sich Ende November zu Andrzejki.
All das geschieht parallel zum ganz normalen Leben – Arbeit, Studium, Cafés, Verkehr und Abendspaziergängen.
Deshalb müsst ihr im Herbst nicht einfach nur die Sehenswürdigkeiten Polens abhaken. Lasst einen Tag ohne strengen Plan. Geht auf den Markt, trinkt einen Kaffee, kauft ein Stück Apfelkuchen, macht einen Spaziergang im Park oder fahrt vor die Stadt.
Vielleicht ist es gerade dieser Tag, den ihr am besten in Erinnerung behaltet.